Educación no es popular

Das Bildungssystem in Nicaragua befindet sich seit dem Ende der sandinistischen Regierung 1990 in einem Umwandlungsprozess. Der nicaraguanische Staat zieht sich Schritt für Schritt aus diesem Sektor zurück, das Recht auf Bildung wird durch das Recht auf den Kauf der Ware Bildung substituiert. Auf der Strecke bleiben die, die den Preis nicht zahlen können.

[Dieser Artikel wurde im Januar 2003 geschrieben. Neuere Informationen zum Thema in deutscher, englischer oder spanischer Sprache (externe Links).]

Der Aufbau eines flächendeckenden und kostenlosen Bildungssystems gehörte zu den wichtigsten Errungenschaften der sandinistischen Revolution. Nach dem Regierungswechsel 1990 änderte sich nicht nur das Personal im Erziehungsministerium, sondern auch die Bewertung der gesellschaftlichen Bedeutung von Bildung. War die Bildung für die sandinistische Revolution zentraler Entwicklungsbestandteil hin zu einer neuen, humaneren Gesellschaft (1), beschränkten sich die konservativ-liberalen Nachfolgeregierungen darauf, Bildung ökonomisch-effizient zu definieren und das Bildungssystem zu "entpolitisieren" (2).

Diese Revidierung des Bildungskonzeptes seit 1990 ging einher mit einer organisatorischen Umwandlung des Bildungssystems. Die 90er Jahre waren geprägt vom schrittweisen Rückzug des nicaraguanischen Staates aus dem Bildungsbereich, der zunehmenden Abwälzung der Kosten auf die Familien der SchülerInnen und der beginnenden Substituierung des Staates durch private Bildungseinrichtungen. Das Ausmaß dieser "Privatisierung" (3), d.h. der Anwendung betriebswirtschaftlicher Kriterien im Bildungssektor zu Lasten der SchülerInnen und deren Familien, lässt sich auch quantitativ bestimmen. Die Kürzungen, die der nicaraguanische Staat in den vergangenen 13 Jahren im Bildungssektor vorgenommen hat, sind signifikant: Gab die sandinistische Regierung in den 80er Jahren trotz Kriegsbedingungen noch bis zu 15,4% (4) des Staatshaushaltes für Bildung aus, sind es im Haushaltsentwurf 2003 gerade noch 11%. (5)

"Rückzug des Staates" heißt jetzt "Schulische Autonomie"

Dieser Prozess der Umgestaltung des Bildungswesens (und damit einhergehend der Entlastung des Staatshaushaltes) ist noch lange nicht abgeschlossen, sondern wird von der nicaraguanischen Regierung - zusammen mit den anderen zentralamerikanischen Regierungen - konsequent weitergetrieben. Ende der 90er Jahre wurde von offizieller Seite die Comisión Centroamericana para la Reforma Educativa ins Leben gerufen. Zu deren Mitgliedern zählen unter anderem die konservative Ex-Präsidentin Nicaraguas Violeta Chamorro sowie der Erziehungsminister ihrer Regierung Humberto Belli. Die Aufgabe der Kommission war und ist es, weitere Reformvorschläge zu entwickeln.

Das Kernstück der Kommissionsvorschläge, die jetzt umgesetzt werden, bildet die so genannte "Schulische Autonomie" und darin eingebunden, die "Partizipation" der Eltern am Bildungsprozess. Was begrifflich erst einmal sehr progressiv erscheint, entpuppt sich als Sammelsurium neoliberaler Handlungsanweisungen. Unter schulischer Autonomie wird vor allem die finanzielle Autonomie verstanden. Aber nicht in dem Sinne, dass die Bildungseinrichtungen in Zukunft direkter über die staatlichen Mittel verfügen können. Vielmehr soll es in Zukunft kaum mehr staatliche Mittel geben. Die Schulen müssen selbst die notwendigen Mittel für Ausstattung und Gehälter organisieren.

Und auch der Begriff Partizipation erfährt eine eigenwillige Umdefinition. Wieweit die Eltern tatsächlich inhaltlich in den Bildungsprozess integriert werden sollen ist unklar. Klar hingegen ist, dass sie finanziell "partizipieren" sollen beziehungsweise müssen, um den Fortbestand der jetzt "autonomen" Schulen zu garantieren.

Das nicaraguanische Zentrum für Menschenrechte (CENIDH) veröffentlichte in seinem Jahresbericht 2001 das Beispiel der Schule Pedro Aráuz Palacios (6). An dieser Einrichtung sind 58 Personen angestellt, darunter 42 LehrerInnen. Monatlich bekommt die Schule aber nur noch knapp 5.000 Euro vom Erziehungsministerium überwiesen -- kaum genug für die Löhne. Um die anderen Kosten (Strom, Wasser, Instandhaltung, ...) begleichen zu können, ist die Schule jetzt gezwungen, eine Einschreibegebühr von rund drei Euro pro SchülerIn zu erheben.

Die Auswirkungen von Schulgebühren in einer Gesellschaft, in der ein Drittel der Bevölkerung in extremer Armut (7) lebt, sind leicht zu erahnen und den Verantwortlichen durchaus bewusst. So bemerkt die Comisión Centroamericana para la Reforma Educativa selbst, dass der Zugang zu Bildung in Nicaragua zuallererst eine soziale Frage ist. In ihren eigenen Veröffentlichungen ist nachzulesen, dass ein Kind aus den reichsten 10% der Bevölkerung durchschnittlich neun Jahre eine Bildungseinrichtung besucht, während ein Kind aus den ärmsten 30% nur knapp drei Jahre zur Schule geht (8).

Die Situation der LehrerInnen

Neben den SchülerInnen aus den unteren sozialen Schichten gibt es noch eine zweite große Gruppe, die eindeutig zu den Verlierern des Umstrukturierungsprozesses der vergangenen 13 Jahre zählt: die Lehrkräfte an den staatlichen Bildungseinrichtungen. Nicaraguanische LehrerInnen haben momentan einen Grundverdienst von knapp 70 Euro pro Monat. Das sind nicht nur die niedrigsten Löhne in der Region, der Verdienst deckt auch nicht einmal die Hälfte dessen ab, was für den Grundwarenkorb, d.h. für eine gesunde Ernährung in Nicaragua aufgebracht werden müsste. (9) Als Konsequenz daraus unterrichten LehrerInnen oftmals zwei bis drei Schichten pro Tag oder haben einen anderen Nebenjob, um über die Runden zu kommen. Dass unter solchen Bedingung keine Unterrichtsvorbereitung, geschweige denn eine Fortbildung möglich ist, und dass natürlich auch die Unterrichtsqualität leidet, liegt auf der Hand.

Angesichts dieser Situation fordert die LehrerInnen-Gewerkschaft ANDEN eine Lohnerhöhung von 200%. Auf den ersten Blick sieht es auch so aus, als habe sich auf staatlicher Seite die Einsicht durchgesetzt, dass die sozialen Bedingungen, unter denen die Lehrkräfte leben, verbessert werden müssen, um die Qualität der Ausbildung zu erhöhen. So empfiehlt die Comisión Centroamericana para la Reforma Educativa die Erhöhung der Einkünfte der Lehrkräfte -- allerdings gebunden an die individuellen "Leistungen" (10). Im Gegensatz zur Gewerkschaft schlägt die Kommission auch eine sehr kostengünstige Möglichkeit vor, wie dieses Bonussystem finanziert werden kann: Die Eltern der SchülerInnen sollen noch mal zahlen. Der ANDEN-Vorsitzende José Antonio Zepeda spricht in diesem Zusammenhang von einer "Pervertierung" des LehrerInnenberufes, da statt der pädagogischen nur mehr die wirtschaftliche Effizienz gesehen wird und die LehrerInnen sich gegenüber den Eltern in Geldeintreiber verwandeln.

Höhere Bildung ist schon Privatsache

Eine weitere, sichtbare Konsequenz des Umwandlungsprozesses der vergangenen Jahre ist, dass bereits heute große Teile des nicaraguanischen Bildungssystems in privater Hand sind - vor allem, was den Bereich der "höheren" Bildung betrifft(11). Während im Vorschul- und Primaria-Bereich der Anteil privater Bildungsträger lediglich 13 bzw. 17% beträgt, sind 54% der Secundarias in privater Hand (12). Von den 33 Universitäten und Hochschulen sind gerade vier staatlich (wobei die Mehrzahl der Studierenden dort eingeschrieben ist). D.h. private Bildungsträger haben sich vor allem in den Einrichtungen etabliert, die hauptsächlich von Kindern der gehobenen Schichten besucht werden beziehungsweise die - wie die Universitäten - schon generell gebührenpflichtig sind.

Andererseits war der Markt für die Ware Bildung zumindest solange begrenzt, wie das verfassungsmäßig garantierte Recht auf kostenlose Schulausbildung noch beachtet wurde. Seit einigen Jahren hat sich das aber geändert -- seit die Regierung begann, das gesamte Bildungswesen zu reformieren und die Kostenfreiheit der Schulausbildung im Rahmen der "schulischen Autonomie" de facto abzuschaffen. Vor allem für die SchülerInnen an den rund 5.500 staatlichen Primarias bringt dies tiefgreifende Veränderungen mit sich.

Überragende Bedeutung der Primaria

Um die gesellschaftlichen Auswirkungen erahnen zu können, die eine Änderung der Ausbildungsbedingungen und der Zugangsvoraussetzungen im Bereich der Primarias bewirkt, muss die überragende gesellschaftliche Bedeutung dieses Schultyps bedacht werden. Für die überwiegende Mehrheit der NicaraguanerInnen ist die Primaria die einzige Schule, die sie je besuchen. Und dies auch nur einige Jahre lang.

Zur Verdeutlichung: Von 100 Kindern, die in die Primaria kommen, schließen gerade einmal 29 diese Schule nach sechs Jahren erfolgreich ab. Immerhin 23 gehen danach auf die Secundaria. In dieser Statistik sind aber nicht diejenigen Kinder berücksichtigt, die völlig aus dem Bildungssystem herausfallen, da sie keinen Zugang zu den staatlichen Bildungseinrichtungen haben. Entweder, da es in ihrem Landkreis keine Schulen (mehr) gibt, oder aber - und dies ist zweifelsohne häufiger der Fall -- da sich die Eltern die Schulgebühren nicht leisten können, beziehungsweise die Kinder zum Lebensunterhalt der Familie mitarbeiten müssen. Laut CENIDH sind es mittlerweile über 600.000 Kinder, die keine Schule besuchen können(13). Vor diesem Hintergrund wird klar, dass jede Änderung -- positive wie negative -- die den Zugang zur Primaria betrifft, unmittelbare Auswirkungen auf den Bildungsstand des Großteils der Bevölkerung hat.

Die Bildungsfrage ist soziale Frage

In der Diskussion um die Bildungsreform sind sich die KritikerInnen des Regierungskonzepts (und deren Umsetzung) weitgehend einig. Eine Verbesserung wird es nur für diejenigen Schichten der nicaraguanischen Bevölkerung geben, die sich Bildung in Zukunft noch leisten können. Der marginalisierte Teil der Gesellschaft bleibt ausgeschlossen und immer größere Teile werden in Zukunft nicht mehr die Mittel haben, alle ihre Kinder in die Schule zu schicken.

Ginge es darum, eine Bildungsreform durchzuführen, die allen NicaraguanerInnen den Zugang zu einem funktionierenden Bildungssystem ermöglicht, müsste diese Reform zuallererst an der sozialen Situation der Bevölkerung ansetzen. Mit der jetzigen Reform wird aber das Gegenteil bewirkt. Für Miguel de Castilla, Universitätsprofessor und Sprecher des Foro de Educación y Desarrollo Humano, eines Netzwerks von NGOs, die im Bildungsbereich tätig sind, steht deshalb in der Diskussion die soziale Frage im Vordergrund: "Die Bildungsreform ist ein Betrug, wenn sie sich nur um das schulische System kümmert und das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und dessen Reproduktionsprozesse unangetastet lässt. Wozu nützt Partizipation, wenn die Eltern keine Arbeit haben und so weder die monatlichen Schulgebühren bezahlen können, noch die Sonderzahlungen, mit denen Schulgebäude instand gesetzt und die Lohnerhöhung der LehrerInnen finanziert werden? Wozu braucht es Bildungsstandards, wenn die SchülerInnen in den ländlichen Gebieten oder den marginalisierten Stadtvierteln im Klassenzimmer ohnmächtig werden, weil sie kein Frühstück hatten, da mit dem Geld anstelle von Brot und Milch die im Rahmen der schulischen Autonomie erhobenen Monatsgebühren an das Schuldirektorium bezahlt wurden?" (14)

Mit der Hungerkrise 2002 hat sich die Situation weiter zugespitzt. Immer weniger Kinder besuchen in den ländlichen Regionen überhaupt noch die Schule, die Gedanken der Menschen drehen sich nur noch ums Überleben. Selbst AktivistInnen, die seit Jahrzehnten in ländlichen Gebieten Bildungsarbeit leisten, wissen in dieser Situation keinen Ausweg mehr. Sichtlich frustriert fasst Orlando Pineda, Chef der Asociación de Educación Popular Carlos Fonseca Amador, einer auf Erwachsenbildung spezialisierten NGO, die Situation zusammen: "Ich bin immer noch der Meinung, dass Bildung die wichtigste Rolle spielt, wenn es darum geht, die soziale Situation der Menschen zu verbessern. In der jetzigen Situation ist es aber andersherum. Damit überhaupt noch Bildungsarbeit angenommen werden kann, müssen die sozialen Bedingungen verbessert werden."


(1) Dieses Ziel formulierte das nicaraguanische Bildungsministerium 1981: "Es wird eine grundlegende Reform der Ziele und Inhalte der Educación Nacional durchgeführt. Sie soll die Schlüsselrolle im humanistischen Umwandlungsprozess der nicaraguanischen Gesellschaft einnehmen und diesem Prozess einen kritischen und befreienden Inhalt verleihen." zitiert nach Miguel de Castilla, Nicaragua en sus tres educaciones, Managua 1998, Seite 47, Eigenübersetzung

(2) Bereits im Juli 1990 gab die konservative Regierung Richtlinien für den Bildungssektor heraus, in denen es u.a. heißt: "Das Erziehungsministerium nimmt sich ebenfalls vor, die Bildungspolitik zu überprüfen, in der als Erbe des Vorgänger-Regimes die Verwendung einheitlicher Unterrichtsmaterialien für alle Schulen des Landes vorgeschrieben ist, was dazu führt, sehr genaue, umfangreiche und strikte Lehrpläne erstellen zu müssen (...) Zugleich wird nach Wegen gesucht, die Lehrpläne einfacher und flexibler zu gestalten, damit die Lehrkräfte ein höheres Maß an Unabhängigkeit genießen und so neue Dinge hinzufügen können, nachdem sie die Minimalanforderungen erfüllt haben." Zitiert nach Miguel de Castilla, Nicaragua en sus tres educaciones, Managua 1998, Seite 60, Eigenübersetzung

(3) Der Begriff "Privatisierung" wird hier verwendet, um die Abkehr von einem Konzept zu betonen, das die gesellschaftliche Verantwortung für Bildung in den Vordergrund stellt. Die Privatisierung erfolgt sozusagen im doppelten Sinn: Bildung wird zur privaten (individuellen) Herausforderung für die SchülerInnen und deren Familien, und wird auch zur privaten (kapitalistischen) Einnahmequelle für private Bildungseinrichtungen.

(4) Die Zahl veröffentlicht die FSLN auf ihrer Web-Site www.fsln.org.ni als Höchststand der Bildungsausgaben, ohne aber eine Jahreszahl zu nennen.

(5) Laut Angeben des nicaraguanischen Finanzministeriums beträgt der Anteil des Bildungsministeriums am Gesamtetat 2003 etwa 11,6%. Darin enthalten sind jedoch auch die - spärlichen - Ausgaben, die der nicaraguanische Staat für Kultur und Sport aufwendet, die ebenfalls über das Bildungsministerium verwaltet werden.

(6) Centro Nicaragüense de Derechos Humanos, CENIDH, Informe Anual 2001, Managua 2001, Seite 69.

(7) je nach Quelle wird davon ausgegangen, dass zwischen 30 und 40% der nicaraguanischen Bevölkerung mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen muss

(8) Comisión Centroamericana para la Reforma Educativa, Mañana es muy tarde, Seite 10

(9) Centro Nicaragüense de Derechos Humanos, CENIDH, Informe Anual 2001, Managua 2001, Seite 68.

(10) Comisión Centroamericana para la Reforma Educativa, Mañana es muy tarde, Seite 6

(11) Das schulische Bildungssystem ist in Nicaragua wie folgt aufgebaut: nach der Vorschule (Prescolar) gibt es die Primaria (6 Jahre), danach schließt die Secundaria (5 Jahre) an. Der Secundaria-Abschluss ist Voraussetzung für die Zulassung zur Aufnahmeprüfung an einer Hochschule. Daneben existieren noch andere Subsysteme, die aber quantitativ keine große Rolle spielen: Sonderschulen, technische Fachschulen, etc.

(12) Wenn nicht anders vermerkt, alle statistischen Daten nach: Plan National de Educación, hrsg. von der Comisión de Trabajo para la elaboración del Plan National de Educación, Managua 2001, Seite 13ff.

(13) Centro Nicaragüense de Derechos Humanos, CENIDH, Informe Anual 2001, Managua 2001, Seite 66.

(14) Miguel de Castilla, Educación no es escuela y escuela no es empresa, veröffentlicht in: envío, April 2001, Eigenübersetzung