Auf den ersten Blick mag es fragwürdig erscheinen, den Nationalismus eines kleinen, nicht aggressiven Trikontstaates zum Gegenstand der Kritik zu machen, gerade wenn die KritikerInnen aus Deutschland kommen. Dennoch ist dies in zweierlei Hinsicht gerechtfertigt. Zum Einen waren in Nicaragua bei Diskussionen über politische Perspektiven die linksnationalistischen Politikansätze so dominant, dass wir zumindest an einer kritischen Beschreibung dieser Positionen nicht vorbei können, wenn wir die politische Realität in Nicaragua wiedergeben wollen. Auf der anderen (und letztendlich entscheidenden) Seite wollen wir mit unserer Kritik des Nationalismus vor allem Stellung beziehen gegen jene Teile der deutschen Linken, die im internationalistischen Kontext kritiklos Begriffe wie "Volk", "Nation" und "nationale Befreiung" affirmieren. Wir halten diese positive Bezugnahme für gefährlich, da sie erstens wenig dienlich ist, die sozialen Widersprüche (sowohl in Nicaragua wie in Deutschland) zu beschreiben. Und zweitens damit nur Begrifflichkeiten und Maßstäbe verbreitet werden, die die von der kapitalistischen Produktionsweise weltweit erzwungene gesellschaftliche Fragmentierung zu verdecken suchen, indem eine "natürliche" Interessengemeinschaft aller im nationalen Rahmen vorausgesetzt wird. (Womit man sich ideologiegeschichtlich wie in der politischen Praxis in gefährlicher Nachbarschaft zu rechten Weltbildern wiederfindet.)
Am Vaterland kommt in Nicaragua niemand vorbei. Vor allem innerhalb der Linken scheint der Nationalismus ein nicht wegzudenkender Ideologiebaustein zu sein. Auch in der Kritik der Privatisierungspolitik der nicaraguanischen Regierung sind nationalistische Untertöne nicht zu überhören. Die Kritik richtet sich zwar zunächst generell gegen die Transformation von Basisdienstleistungen in Waren. Als besonders verwerflich gilt jedoch, dass die Konzerne, die die ehemaligen Staatsunternehmen aufkaufen, ausländische sind (oder noch schlimmer "transnationale").(1)
Als Gegenmacht zu diesen "transnationalen Konzernen" wird die Nation konstruiert, die in ihrer Gesamtheit in ihrer Existenz bedroht sei. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, dass es auch in Nicaragua eine gesellschaftliche Fragmentierung in Klassen und Schichten gibt, und folglich unterschiedliche Interessenlagen bezüglich der Privatisierungen. So nimmt es auch nicht Wunder, dass Teile derer, die gegen Privatisierungen kämpfen, es bereits als Fortschritt sehen würden, wenn der staatliche Besitz in die Hände der nationalen Bourgeoisie überginge.(2)
Andere gehen noch weiter und sehen im Nationalismus gleichermaßen ein taktisches Mittel zur Mobilisierung von Menschen für soziale Kämpfe wie eine Schlüsselideologie im politischen Kampf. Schließlich sei "die Bildung einer nationalen Identität wichtig, um gegen die Globalisierung zu kämpfen".(3) Entsprechend wird an die herrschende Elite appelliert, "patriotisch" zu handeln. Und da sie dies in den Augen ihrer KritikerInnen nicht tut, wird sie mit dem schlimmsten Fluch belegt, zu dem NationalistInnen fähig sind - sie seien "vendepatrias", Vaterlandsverräter.
KritikerInnen solch nationalistischer Ansätze wird - zumal wenn sie aus Europa kommen - entgegnet, dass sich die Begriffe "Vaterland" und "Nation" in Nicaragua wie in ganz Lateinamerika völlig anders definieren als in Europa. Nationale und soziale Frage seien in Lateinamerika kein Gegensatz, sondern bedingten sich gegenseitig. Eine Argumentation, die auf den ersten Blick schlüssig erscheint - zumal ein nationaler Chauvinismus, wie er den europäischen Nationalismen eigen ist, in Nicaragua nirgends anzutreffen ist. Beginnt man jedoch die nationalistische Ideologie genauer zu untersuchen - d.h. zu hinterfragen, wofür diese benötigt wurde und wird, welche Widersprüche wie damit erklärt werden etc. -, so bekommt die Fassade des angeblich ungefährlichen, ja sozialen lateinamerikanischen Nationalismus schnell Risse. Und ein etwas anderes Bild vom "Vaterland" entsteht.
Die Unabhängigkeitsbestrebungen in Lateinamerika sind so alt wie die Conquista selbst - im doppelten Sinne. Zum einen leisteten bis ins 19. Jahrhundert hinein indigene Gruppen Widerstand gegen die Besetzung und versuchten, ihre Gesellschaftssysteme zu verteidigen bzw. wiederherzustellen. Andererseits waren es die Conquistadores selbst, die mit einer Unabhängigkeit von Spanien liebäugelten. Schließlich hatten sie ja nicht all' die Mühen und Risiken der Eroberung eines Kontinents auf sich genommen, um dann den Löwenanteil der Beute der spanischen Krone überlassen zu müssen.(4) Dass aus diesen Plänen jedoch nichts wurde, hatte vor allem zwei Gründe. Erstens war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die spanische Militärmacht stark genug, um Aufstände - seien sie von Indígenas oder abtrünnigen Kreolen - niederzuschlagen. Andererseits hatte die koloniale Oberschicht in Amerika selbst keine Verbündeten.(5) Die unteren sozialen Schichten, d.h. Indígenas, SklavInnen und arme MestizInnen sahen keine Veranlassung, an der Seite ihrer Peiniger zu kämpfen, nur damit sich diese von der spanischen Hegemonie befreiten.
Die Situation änderte sich grundlegend Anfang des 19. Jahrhunderts. Erstens waren zu diesem Zeitpunkt die militärischen Möglichkeiten der spanischen Krone bereits stark reduziert.(6) Andererseits änderte sich auch die Zusammensetzung der Eliten in den Kolonien selbst. Die konservativen GroßgrundbesitzerInnen mussten einen Großteil ihrer Macht zugunsten des liberalen, städtischen Bürgertums abgeben. Beeinflusst von den Ideen der Aufklärung wie von strategischen überlegungen unterschied sich diese Elite vom konservativen Teil der Oberschicht darin, dass ihre Vision von Unabhängigkeit - nationale Souveränität und freier Kapitalismus - auch eine soziale Komponente besaß: Abschaffung der Sklaverei und anderer Formen der Zwangsarbeit. Dies hatte deinerseits durchaus emanzipatorischen Charakter und versprach eine Verbesserung der Lebensumstände. Andererseits gelang es dadurch der kolonialen Bourgeoisie, die besitzlosen Klassen auf die Seite ihrer "nationalen Sache" zu bringen und so ihre Ziele durchzusetzen.
Als herausragende Persönlichkeit dieser Elite gilt Simon Bolívar, in dem viele den Begründer des lateinamerikanischen Nationalismus sehen. Sein Konzept von Nation, auf das sich fast die gesamte nationalistische Linke Lateinamerikas indirekt oder direkt bezieht, umfasste in seinem Einschluss nahezu alle Klassen und Schichten, und definierte so eine "lateinamerikanische Identität". Der Ausschluss wirkte gegen den äußeren, "gemeinsamen" Feind - zu Bolívars Zeiten Spanien, später die USA - und gegen diejenigen Teile der Oberschicht in den lateinamerikanischen Ländern, die als Verbündete bzw. Handlanger dieses äußeren Feindes wahrgenommen wurden. Es ist also durchaus richtig, dass historisch gesehen die theoretische Konzeption des lateinamerikanischen Nationalismus - obgleich ebenfalls ein Konzept der Bourgeoisie - ohne die Ausgrenzungen ausgekommen ist, die die sich zeitgleich entwickelnden europäischen Nationalismen hervorbrachten (z.B. in Frankreich und England Abgrenzung gegen SklavInnen und Indígenas in den Kolonien, in Deutschland antisemitische Ausschlusskriterien).
Jedoch zeigt sich in der Praxis, dass auch der lateinamerikanische Nationalismus ähnliche Erscheinungsformen hervorbrachte und hervorbringt wie seine europäischen Pendants. Die Formen nationalistischer Ausgrenzung reichen in Lateinamerika von Entrechtung und Diskriminierung, so zur Zeit gegen NicaraguanerInnen in Costa Rica, bis hin zu Pogromen, beispielsweise gegen HaitianerInnen in der Dominikanischen Republik in den 30er Jahren. (7) Vor diesem Hintergrund ist es - auf die nicaraguanische Realität bezogen - durchaus fraglich, ob das Fehlen einer gegen andere gerichteten Aggressivität tatsächlich mit dem theoretischen Konzept des nicaraguanischen oder allgemein lateinamerikanischen Nationalismus begründet werden kann. Oder doch eher damit, dass es kein wirtschaftliches oder politisches Dominanzverhältnis gibt, auf dessen Grundlage auch der nicaraguanische Nationalismus ausgrenzend wirken könnte. Die geschichtlichen Fakten verweisen jedenfalls darauf, dass auch in Lateinamerika der Nationalismus nicht als blutleeres Abstraktum aufgefasst werden kann. Sondern dass zu seiner realistischen Beschreibung die konkreten Widersprüche innerhalb der einzelnen Gesellschaften untersucht werden müssen, anstatt nur auf äußere Widersprüche zu verweisen. Dies bedeutet, anzuerkennen, dass das "nationale Interesse", das über den Klasseninteressen stünde, auch in Lateinamerika eine Demagogie ist, die darauf abzielt, der herrschenden (Klassen-)Politik wie den unterschiedlichen Positionen in der politischen Auseinandersetzung eine breitere Legitimation zu verleihen. Dies gilt nicht nur für rechte, sondern für alle nationalistischen Politikansätze(8) - und auch dann, wenn die herrschende Politik durchaus sozial und progressiv ist. (9)
Damit der linke wie der rechte Nationalismus "funktionieren", d.h. das klassenlose Interesse ohne klassenlose Gesellschaft auch inmitten einer kapitalistisch-fragmentierten Gesellschaft halluziniert werden kann, muss die soziale Frage nationalistisch gestellt werden. Die Ungerechtigkeiten des Kapitalismus - bzw. der Kapitalismus selbst - müssen als etwas von außen Kommendes dargestellt werden. Dabei darf selbstverständlich nicht unter den Tisch fallen, dass die geschichtliche Realität (Conquista, Kolonialherrschaft, US-Interventionismus etc.) wie auch die Erscheinungsform des Kapitalismus selbst die Herausbildung eines solchen, nationalistisch verkürzten Antikapitalismus in Lateinamerika zweifelsohne gefördert haben.
Generell ist festzustellen, dass der Kapitalismus und damit auch das Bild vom Kapitalismus sich in Lateinamerika nicht in der gleichen Form wie in Europa - als "freie" Warenproduktion - entwickelten bzw. entwickeln konnten, sondern dass hier das politisch-militärische Gewaltverhältnis lange Zeit dominant war. Vor allem die Bergwerks- und die Plantagenökonomie produzierte zwar unter zuerst kolonialem, dann imperialistischem Regime für den kapitalistischen Markt, war aber selbst von feudalen Strukturen geprägt (Sklaverei, Zwangsarbeit ...). Die Arbeitsverhältnisse beruhen heute fast ausschließlich auf dem "freien" -- d.h. nur auf dem ökonomischen Zwang fußenden -- Verkauf der Arbeitskraft. Dennoch ist sicherlich nicht ganz zu Unrecht ein "politisches" Bild der kapitalistischen Produktionsweise (in dem Sinne, dass außer-ökonomischer Zwang Wesensmerkmal des Kapitalismus sei) immer noch Teil der politischen Kultur.
Diese Wahrnehmung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse wird durch ein zweites simplifizierendes Moment ergänzt und verstärkt - der Aufteilung des Kapitalismus in verschiedene, scheinbar unabhängige Sphären. Das durchaus dominante Bild affirmiert einerseits einen "natürlichen" Teil, die nationale Produktion, die übel des Kapitalismus werden hingegen auf den abstrakten Teil - Welthandel und Imperialismus - projiziert. Die Warenproduktion als solche wird kritiklos akzeptiert, das Problem wird nur im (Welt-)Markt gesehen, da dort Produkte aus Trikont-Staaten nicht den erhofften Preis erzielen bzw. überhaupt nicht konkurrenzfähig sind. Beispiele für ein solches Denken finden sich zur Genüge (und ja nicht nur in Nicaragua) im linken Kapitalismusdiskurs. Signifikant ist, dass dieser Diskurs weitgehend die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der Warenproduktion selbst unbeachtet lässt - bspw. das Verhältnis von in der Produktion vergegenständlichter Arbeit zu den erzielten Marktpreisen. Vielmehr wird das Bild verbreitet, Marktmechanismen seien nur mit dem wirtschaftlich oder politisch motivierten Schalten und Walten einzelner Personengruppen bzw. Organismen erklärbar. (10)
Diese verkürzte Kapitalismuskritik bildet offensichtlich den theoretischen Hintergrund einer Linken, die ihre Gegnerschaft zum Kapitalismus nationalistisch beschränkt und die das Bündnis mit der nationalen Bourgeoisie sucht, um sich gegen das Wüten des "transnationalen" Kapitalismus zur Wehr zu setzen. Nur in dieser Logik stimmt die Gleichung "Nationale Frage = Soziale Frage". Mehr noch: diese Fraktion der Linken hofft, im Nationalismus ein Vehikel gefunden zu haben, um wieder Kräfte für soziale Kämpfe zu gewinnen, die mit sozialen Positionen nicht mehr mobilisierbar wären. (12) Der Nationalismus wird als taktisches oder strategisches Mittel betrachtet; richtiger (und ungefährlicher) wird diese Position dadurch freilich nicht. Auch in Nicaragua steht die "nationale Frage", d.h. der Versuch einen klassenübergreifenden Politikansatz zu propagieren, im offenen Widerspruch zur sozialen Realität.
In einer solchen Situation ist es dann nicht weiter verwunderlich, wenn auch die unmittelbar am schwersten Betroffenen, die landlosen ArbeiterInnen der Plantagen, die jetzt kein Einkommen mehr haben, scheinbar auch nur noch im klassenübergreifenden Rahmen denken. Wie bei einem Treffen in einer LandarbeiterInnen-Gemeinde zu erfahren war, hoffen diese jetzt vor allem darauf, dass der "Standort" gerettet wird. Das vorherrschende Bild, dass ein/e KaffeearbeiterIn nur dann überleben kann, wenn es auch den FincabesitzerInnen gut geht, diese Verinnerlichung des scheinbar klassenlosen Interesses vereinfacht es der nationalen Bourgeoisie, ihre reaktionären Ansätze des Krisenmanagements durchzusetzen: seitens der nicaraguanischen Regierung gibt es den Vorschlag, das von der FAO finanzierte "Lebensmittel für Arbeit"-Programm (14) auf den Kaffeesektor auszuweiten. Konkret hieße dies, dass die LandarbeiterInnen keinen Lohn mehr erhielten, sondern der Staat mit Lebensmittellieferungen ihr (über-)Leben garantierte. Dafür brächten sie für die FincabesitzerInnen die Ernte ein. Der Erlös aus dem Kaffeeverkauf solle dann zwischen Staat, GrundbesitzerInnen und ArbeiterInnen aufgeteilt werden - ein Modell, von dem wohl alle neoliberalen Arbeitsweltmodernisierer träumen: LohnarbeiterInnen ohne Lohn! Wie weit sich jedoch Widerstand mobilisieren ließe, wenn diese vorkapitalistischen Arbeitsverhältnisse Realität würden, ist durchaus fraglich. Von einer Linken, die beinahe täglich die nationale Bourgeoisie an ihre patriotischen Pflichten erinnert, ist dies jedenfalls kaum zu erwarten.
Die Substitution sozialer Inhalte durch die Betonung des Nationalen ist aber durchaus kein auf die nicaraguanische Linke begrenztes Phänomen. Diese nationalistische Tendenz gibt es weltweit unübersehbar auch in Bewegungen, die vormals mit fortschrittlichen, zum Teil sozialistischen Forderungen antraten und jetzt nichts mehr zu kennen scheinen als "nationale Identitäten" (ob in Kurdistan oder im Baskenland - sorry, das muss natürlich Euskadi heißen!) (15). Auch in Deutschland hatte "die Linke" jahrzehntelang kein großes Problem damit, nationale Kategorien zu einem Maßstab in ihren Politikansätzen zu machen - was für den größeren Teil immer noch gilt. Dies betrifft nicht nur die inzwischen kleine "3. Welt"-Soliszene, die sich den Vorwurf gefallen lassen musste, sich oft unhinterfragt mit den "nationalen" Zielen der Befreiungsbewegungen solidarisiert zu haben. Zwar wurde in den letzten zehn Jahren eine Auseinandersetzung über den Nationalismus auch im inter-nationalistischen Teil der Linken geführt. Unbeirrt davon finden sich in den Theorien der so genannten Antiglobalisierungsbewegung immer wieder nationalistische Erklärungsmuster - bis hin, dass sie die Nation als Gegensatz zu den transnationalen Konzernen affirmiert. Auf Kritik daran reagiert sie meist allergisch.
Dabei steht zu befürchten, dass in dem notwendigen Bemühen, die sozialen Kämpfe in den Zentren und im Trikont zu verbinden, gerade der Nationalismus als kleinster gemeinsamer Nenner fungieren könnte. Dabei wäre es gerade in der Auseinandersetzung mit weltweiten Dominanzverhältnissen vordringlich, linke, antinationale Positionen zu entwickeln - vor allem in Deutschland. Zum einen, weil hierzulande der Nationalismus historisch mit rassistischen und antisemitischen Ausgrenzungen determiniert ist. Zum anderen, weil ein wie immer gearteter "nationaler Ansatz" auch im internationalistischen Kontext eine völlige Idiotie wäre: Lässt sich der Nationalismus in den Trikontstaaten als untaugliches Mittel im Kampf um soziale Befreiung kritisieren, so ist seine Funktion in den kapitalistischen Zentren eine andere. Hier ist der Nationalismus eines der wichtigsten ideologischen Mittel zur Rechtfertigung weltweiter Unterdrückungsverhältnisse. Verhältnisse, die eine Linke ja gerne umstürzen würde.
(1) siehe dazu auch den Artikel Nichts als Abwehrkämpfe
(2) siehe dazu auch den Artikel Nichts als Abwehrkämpfe
(3) Ruth Selma Herrera, Red Nacional de Defensa de los Consumidores
(4) Als Prototyp dieses Eroberers kann durchaus Werner Herzogs Filmfigur Aguirre gelten, jener dem Größenwahn Verfallene, der bis zuletzt hofft, mit den eroberten Schätzen ein neues, von Spanien unabhängiges Reich zu gründen. Diese fiktive Figur hatte viele reale Vorbilder. So werden beispielsweise dem Eroberer Mexicos, Hernán Cortes, konkrete Pläne zur "Selbstständigmachung" nachgesagt.
(5) Sieht man von taktischen Bestrebungen der anderen, mit Spanien konkurrierenden, Kolonialmächte ab.
(6) Vor allem durch die napoleonische Besetzung und die Niederlage der spanisch-französischen Flotte 1810 vor Trafalgar.
(7) Mindestens in einem Fall schloss der Dienst am Vaterland in Lateinamerika auch die planmäßige Ermordung einer ganzen Bevölkerungsgruppe mit ein: 1879 begann in Argentinien der so genannte "Wüstenfeldzug" - der argentinische Staat schickte Truppen nach Patagonien, um die Mapuche zu "befrieden". Kaum ein Mitglied dieser indigenen Gruppe überlebte die Massaker des Militärs. Dem Leiter der Militäraktion, dem späteren Präsidenten Julio Roca, dankt es die Nation immer noch: keine Stadt ohne Calle Roca, viele Reiter-Standbilder des Massenmörders und last but not least prangt sein Konterfei auf der 100-Peso-Banknote.
(8) Ein interessanter Aspekt dabei ist, dass in der Diskussion über den lateinamerikanischen Nationalismus die Frage der nationalistischen Rechten selten eine Rolle spielt, obgleich sie mit dem Argentinier Juan Domingo Perón einen der schillerndsten Vertreter des lateinamerikanischen Nationalismus stellt.
(9) So ist der (gescheiterte) Versuch der SandinistInnen, ihre Politik in den 80er Jahren nationalistisch abzusichern, ein Beispiel dafür, wie von links ein "nationales Interesse" propagiert wurde - und auch ein Beispiel dafür, wie wirkungslos dieses Bemühen kann, wenn er sich gegen die Interessen der originären Träger dieser Ideologie, die nationale Bourgeoisie, wendet: Zwar bemühten sich die SandinistInnen, ihre Politik im Namen des "nationalen Interesses" zu verkaufen - schließlich fußten die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der FSLN auch auf der Akkumulation des Kapitals, das sich in Händen der nationalen Bourgeoisie befand und entsprechend übten sich manche Comandantes in der Anbiederung an die nationale Oberschicht. Genützt hat dies freilich der FSLN wenig. Für das Bürgertum war die FSLN solange wichtig, solange es um den Sturz des Diktators Somoza ging, der auch für sie zunehmend zur Bedrohung wurde. Nach dessen Sturz war es an der "nationalen" Sache der FSLN weitgehend nicht interessiert, der Einfluss der USA in Mittelamerika schreckte es weitaus weniger als die sozialen und politischen Programme der SandinistInnen. Und entsprechend handelte es, nachdem 1990 die politische Macht wieder in seinen Händen war.
(10)
Karl Marx hat herausgearbeitet, dass es im Wesen des Kapitalismus (private Produktion von Waren sowie
gesellschaftlicher Austausch von Waren via Markt) liegt, dass der Gebrauchswert einer Ware und die zu ihrer
Erstellung notwendige konkrete Arbeit als "natürlich" (und damit als nicht kritikabel) angesehen wird,
während der Tauschwert (und damit die abstrakte vergegenständlichte Arbeit) oder anders gesagt,
der durchschnittlich auf dem Markt erzielte Preis als undurchschaubares Mysterium gilt, das allenfalls mit
den dunklen Machenschaften von SpekulantInnen, HändlerInnen etc. erklärt werden kann.
Siehe dazu: Marx-Engels-Werke, Band 23, Dietz Verlag Berlin 1962, Seiten 85-98
(11) zitiert nach: Volker Wunderlich: Sandino -- eine politische Biographie, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1995, Seite 132
(12) Vor allem vor dem Hintergrund des Scheiterns der sandinistischen Revolution ist es nach Aussagen unserer GesprächspartnerInnen sehr schwierig geworden, mit antikapitalistischen, sozialistischen Positionen Gehör zu finden.
(13) Um nicht missverstanden zu werden: Wir maßen uns nicht an, zu sagen, wie die nicaraguanische Agrarpolitik auszusehen hätte. Aber unsere Beobachtungen und Erfahrungen waren doch so vielschichtig, um festzustellen, dass mit dem bloßen Verweis auf internationale Rohstoffbörsen die soziale Katastrophe in Nicaragua nicht ausreichend erklärt werden kann.
(14) siehe dazu auch den Artikel Eine Momentaufnahme
(15) siehe dazu: gruppe demontage: Postfordistische Guerrilla - vom Mythos nationaler Befreiung, Unrast Verlag, Münster 1998